Ein Traum

Donnerstag, 21.5., 2:20 Uhr

Vorhin einen Traum gehabt:
Ich bin in Indien und in einem fremden Haus. Ein Teppich hat mich dahin geführt, irgendwie. Es ist ein typisches indisches Haus, karg, dunkel, eng. Zuerst bin ich in einem Raum, der eine sehr praktische und urige Anordnung der Möbel hat, so eine Kombination aus Küche, Wohnzimmer und Schlafraum. Ein Podest mit weicher Sitzunterlage und darum herum niedrige Anrichten für Allzweck, zum Beispiel zum Essen-Zubereiten. Alles ist von einem Platz aus erreichbar.
Dann will ich wieder gehen, finde aber den Ausgang nach draußen nicht. Ich bin im Flur, rolle den Teppich zusammen. Dann höre ich deutsche Stimmen. Ich überlege kurz, weil ich ja eigenmächtig in das Haus eingedrungen bin, gehe dann aber doch den Stimmen nach und gelange in ein anderes Zimmer. Ich sehe erst verschiedene Menschen, die sich unterhalten, dann vor mir einen kräftigen, älteren Mann auf dem Boden sitzen, der gerade mit dem Körper und dem Gesicht auf den Boden fällt, einem schmutzigen, staubigen Erdboden. Er rappelt sich wieder auf, ist ganz grau im Gesicht, aber wie von einer Dreckkruste, als wäre er schon oft im Dreck gelegen. Trotz seiner kräftigen Statur wirkt er schwach und erschöpft. Er sagt: »Ich komme mit dem Alleinsein nicht mehr klar. Kannst du mir einen Gefallen tun und mich herausholen?«
Die anderen Leute nehme ich als fremde Gäste war, die wohl wegen diesem vereinsamten Mann da sind, sich aber nicht um ihn kümmern. Ich schätze, er hat sie eingeladen, um sie ebenso um Hilfe zu bitten wie mich.
Der Mann ist in großer Not, völlig erschöpft. Seine graue Kruste im Gesicht ist seine Einsamkeit, sein Mangel an Berührung und Kontakt. Er hat viele Jahre alleine gelebt, weil er glaubte, das sei richtig so, das müsse man so machen. Nun ist er alt und an dieser Einsamkeit gescheitert. Die graue Kruste ist auch seine absterbende Lebendigkeit, als würde er selbst zu einem toten Ding, als sei nicht mehr wichtig, dass es ihn gibt. Wie sollte das auch wichtig sein, da ohnehin niemand da ist, der ihn erkennt?
Aber er hat noch die Kraft, mich zu bitten, ihn rauszuholen. Alleine schafft er es nicht. Ich fühle viel Liebe für ihn, möchte ihn in den Arm nehmen, ihn halten. Er ist doch Teil der Menschheit, Teil der Gemeinschaft.
Alleinleben ist Scheiße.

(Auszug aus dem Buch, S. 114-115)

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